Öffentlichkeitsarbeit

Zur Förderung von Wissenschaft und Forschung und gezielten Öffentlichkeitsarbeit auf dem Gebiet von Bewegungsstörungen unter besonderer Berücksichtigung der Situation von Patienten und Patientinnen im Kindes- und Jugendalter wurde 2007 in Hamburg der Verein N.E.MO. (Förderverein für die Erforschung der Neurophysiologie und Entwicklung des Motorischen Systems und die Erforschung und Behandlung von Bewegungsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen e.V.; nemo-ev.de) gegründet, dessen Vorsitzender Alexander Münchau ist.

N.E.MO. hat zahlreiche Aktivitäten entfalten und war Anfang 2010 maßgeblich an der Realisierung des Theaterprojektes „Neurovisions- eine gesamteuropäische Touretterie“ in Kooperation mit opera silens und Kampnagel Hamburg beteiligt (Wissenschaftliche Beratung, Dramaturgie Mitarbeit, Darstellerbetreuung, Darstellung). Dieses Projekt hatte national ein sehr positives Echo gefunden.

Diese Theaterproduktion gab den Anstoß zu einer langfristigen interdisziplinären Zusammenarbeit in den Bereichen Neuro-, Kultur-, Literatur- und Theaterwissenschaften. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde hierzu die Agentur für Überschüsse als Neurologie / Performance Forschungskollektiv in Hamburg gegründet. Feste Mitglieder der Agentur sind der Regisseur und Hochschullehrer Professor Hans‐Jörg Kapp, der Bühnenbildner Marcel Weinand, sowie der Dramaturg Jens Dietrich (Kampnagel, Hamburg).  Weitere freie  Mitarbeiter waren Dr. Timo Ogrzal (Philosophie) und Anne Leinberger (Theaterwissenschaften).

Ziel der Agentur ist es, einen langfristig angelegten Wissens‐ und Gestaltungstransfer zwischen den Bereichen der Neurowissenschaften und der Performancepraxis und – Theorie in Form von Performances, Theaterstücken, Symposien, Aufklärungsprojekten und Publikationen zu leisten.

Quelle: Der Spiegel vom 25. Januar 2010

Agentur für Überschüsse, April  2011, v. l. n. r:
Hans-Jörg Kapp, Alexander Münchau, Anne Leinberger und Timo Ogrzal

Als weiteres Theaterprojekt wurde das von der Behörde für Kultur und Medien der Stadt Hamburg geförderte Stück „SCHWICS“ am 13. und 16. April 2011 im Rahmen des Theaterfestivals 150% in Hamburg aufgeführt. Es handelte sich um ein neurologisch-performatives Theater nach Kurt Schwitters, das sich zum Ziel setzte, die Grenzen zwischen dadaistischen Lautgedichten und Tics beim Tourette Syndrom verschwimmen zu lassen. In einem Teil der Inszenierung führte Frauke Aulbert Kurt Schwitters Lautgedicht "Ursonate" in seiner kaum gespielten, vollständigen Fassung auf (70 min., Uraufführung – neurologisch-performatives Musiktheater, Regie: Hans-Jörg Kapp; Darsteller: Frauke Aulbert, Alexander Münchau, Daniel Weber; Dramaturgie/Konzept: Timo Ogrzal; PL/Konzept: Anne Leinberger; Ausstattung/Konzept: Marcel Weinand)

Aufmerksamkeit erlangte die Produktion durch einen Bericht über Schwics, den die Berliner Fernsehjournalistin Tabea Tiesler in der Sendung der Moderatorin Katrin Bauerfeind platzieren konnte.

In Kooperation mit Masterstudierenden des Studiengangs Design an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW, Hamburg Finkenau) wurde unter Anleitung von Frau Professor Grebin, Professor Stefanescu und Frau Professor Schneider ein darstellerisches Projekt der Agentur gestaltet.

Im November 2014 wurde Das „Theater der Infamen Menschen“, eine Kooperation zwischen der Agentur für Überschüsse, dem Verein N.E.MO, der Universität zu Lübeck und dem Theater Combinale in Lübeck uraufgeführt. Grundlage der Aufführung waren die „lettres de cachet“, von Arlette Fargue gesammelte und von Michel Foucault kommentierte Einweisungsbitten von Pariser Bürgern des 18. Jahrhunderts. Das Projekt thematisiert in diesem Zusammenhang den Umgang mit Regeln und Normen im medizinischen Kontext und warf  die Frage auf: Sind wir heute tatsächlich so viel toleranter und aufgeklärter als die Bürger des vorrevolutionären Paris? Die Inszenierung versuchte, Normverletzungen durch abweichendes Verhalten als Spiel, als Entwicklungsüberschuss, als „motorisches Rauschen“ aufzufassen und in Theater zu verwandeln.

Auf der von Marcel Weinand gestalteten Bühne befanden sich drei Personen: heutige Entscheidungsträger – Ärzte, Eltern. Ihre Rolle war  es, Machtinstanzen zu repräsentieren. Die Drei sprachen in einem professionell-verständnisvollen Ton über die jeweiligen Patienten. Im Hintergrund befandet sich der Tourette-Betroffene Daniel Weber, der mit ruhiger Souveränität aus Michel Foucaults Text über die „lettres de cachet“, die französischen Einweisungsbitten rezitierte. Seine Rezitationen wurden von Tics unterbrochen – oftmals lauten und mitunter sozial unangemessenen Tics. Diese Tics griffen in den szenischen Ablauf ein, veränderten ihn, verschoben die Perspektiven. Tics, die im Alltag eher irritieren, wurden so zum bewusst gesetzten Spannungspol einer „Menschlichen Komödie“ anderer Art.

Unterstützt und konterkariert wurde die Szenerie von der Komponistin und Pianistin Ninon Gloger und der Sängerin Frauke Aulbert.

Mignon Reme und Alexander Münchau während der Aufführung des "Theater der infmane Menschen".

Das Stück wurde nach einer Wiederaufnahme am 15. und 16. Juni 2016 im Theater Combinale in Lübeck und am 21., 22. und 23. Juni 2016 auch im Rahmen des International Parkinson and Movement Disorder Congresses im Ballhaus Ost in Berlin aufgeführt. Es hatte dort sehr positive nationale und internationale Resonanz. Besprochen wurde es u.a. im RBB radioeins und RBB Inforadio. 

Im Jahr 2020 produzierte die Agentur für Überschüsse in Zusammenarbeit mit der Filmproduktionsfirma Rainville & Oswald einen internationalen Dokumentarfilm ("TICS"), ein Roadmovie, in dem 3 Patienten mit Tourette Syndrom zunächst das Salpêtrière-Krankenhaus in Paris besuchten, in dem das Tourette-Syndrom erstmals beschrieben wurde und das bis heute weltweit ein wichtiges Zentrum der Tourette-Forschung ist, dann an die Universitäten Köln, Hannover und Lübeck reisten und schließlich nach Lappland, wo die Rezeption von Tics in einem anderen sozialen Kontext untersucht wurde. Der Dokumentarfilm enthält auch Informationen über verhaltenstherapeutische Konzepte bei Tics, einschließlich neuer Ansätze, z.B. der Technik des Aufmerksamkeitstrainings (Schaich et al., 2020). Regie führte Thomas Oswald.

Der Dokumentarfilm wurde von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, der Deutsche Forschungsgemeinschaft (FOR 2698), TEC4Tic, N.E.MO. e.V. und der Universität zu Lübeck gefördert.